Um eins klarzustellen: Nur weil ein Vampir dem Pfad der Menschlichkeit folgt, ist er noch kein freundlicher, kongenialer Heiliger. Vampire sind von Natur aus Raubtiere, und Menschlichkeit verleiht ihnen nur die Fähigkeit zu tun, als seien sie keine. Sie ist eine innere Scharade, die die Kainskinder vor sich selbst bewahrt, ähnlich wie die Maskerade sie vor den Sterblichen da draußen schützt.
Leider ist die bloße Existenz eines Vampirs das Anathema seiner Menschlichkeit. Im Laufe der Jahrhunderte fordert das Tier seinen Tribut, und das Wohlergehen der sterblichen „Sethskinder“ wird den Kainskindern immer gleichgültiger (schließlich sterben sie irgendwann sowieso). Insofern werden Charaktere im Laufe des Spiels höchstwahrscheinlich Menschlichkeit verlieren.
Auch Sterbliche folgen normalerweise dem Pfad der Menschlichkeit, wenn auch weitgehend aus Ignoranz: Sie wissen es nicht besser. Insofern spielt dieses Regelsystem der Moral für sie nur selten eine Rolle. Natürlich verfügen einige Menschen –Vergewaltiger, Mörder und dergleichen – nur über geringe Menschlichkeit, doch in ihnen wütet anders als in den Kainskindern kein Tier. Es ist Vampiren mit hohem Menschlichkeitswert möglich, menschlicher zu sein als manche Menschen!
| 0 | monströs |
| • | schrecklich |
| •• | grausam |
| ••• | abgestumpft |
| •••• | gefühllos |
| ••••• | unnahbar |
| ••••• • | abwesend |
| ••••• •• | durchschnittlich |
| ••••• ••• | liebevoll |
| ••••• •••• | mitfühlend |
| ••••• ••••• | heilig |
Inhaltsverzeichnis
Auswirkungen der Menschlichkeit
Die Menschlichkeit eines Kainskindes spiegelt wider, wie viel vom sterblichen Wesen des Charakters trotz des Fluchs Kains erhalten bleibt. Sie hat Einfluss darauf, wie gut ein Charakter seinen vampirischen Zustand leugnen und als Mensch durchgehen kann.
Vampire schlafen unnatürlich tief, und es kann auch bei drohender Gefahr schwer sein, sie zu wecken. Vampire mit hoher Menschlichkeit stehen am Abend früher auf als solche mit niedriger. Wenn ein Kainskind gezwungen ist, tagsüber zu agieren, darf es für keinen Wurf und keine Handlung mehr Würfel benutzen, als sein Menschlichkeitswert beträgt.
Menschlichkeit beeinflusst auch die Tugenden eines Charakters. Wenn ein Tugendwurf verlangt wird, dürfen Sie nicht mehr Würfel benutzen, als der Menschlichkeitswert Ihres Charakters beträgt. Daher können Sie dem Ruf des Tiers nicht mehr widerstehen, wenn Sie in den Abgrund der Bestialität gesunken sind. Wenn Menschlichkeit verlorengeht, bewegt sich der Charakter
langsam der Nacht entgegen, in der er jede Beherrschtheit verliert.
Die Zeit, die man in der Starre (S. 282) verbringt, hängt auch direkt vom Menschlichkeitswert ab. Vampire mit hoher Menschlichkeit bleiben kürzer in Starre als solche mit niedriger.
Menschlichkeit legt fest, wie menschlich Charaktere wirken und wie leicht sie als Menschen durchgehen. Vampire mit geringer Menschlichkeit entwickeln unnatürliche, verstörende Merkmale wie tiefliegende Augen, ständiges Knurren oder animalische Antlitze (dies sind Reflexionen ihrer Haltung – s. o.).
Wenn der Menschlichkeitswert eines Charakters je auf 0 fällt, wird er zum NSC. Der Charakter ist dann völlig dem Tier in ihm verfallen, wird zur hirnlosen Gestalt und vom Erzähler gespielt.
Menschlichkeitswerte fluktuieren in Abhängigkeit von der Hierarchie der Sünden – wenn ein Vampir absichtlich oder unabsichtlich etwas tut, was unter seinem Menschlichkeitswert liegt, muss er Gewissen würfeln, um zu sehen, ob er damit leben kann (und Menschlichkeit verliert) oder ob er es bedauert und auf seinem gegenwärtigen Stand bleibt. Menschlichkeit kann nur mit Erfahrungspunkten erhöht werden.
Die Todesspirale
Vampire sind Monster, und selbst ein Kainskind mit dem höchstmöglichen Menschlichkeitswert ist nur ein Wolf im Schafspelz. Nichtsdestoweniger werden Vampire mit dem Verlust ihrer Menschlichkeit nicht nur zu immer verderbteren Taten fähig, sie streben regelrecht danach. Es liegt in der Natur eines Vampirs, zu jagen und zu töten, und irgendwann hält jeder Vampir den Leichnam eines Gefäßes in den Armen, das er eigentlich gar nicht töten wollte.
Somit ist es wichtig zu wissen, wie Vampire sich mit dem Sinken ihres Menschlichkeitswerts verändern. Selbst unter dem Vorzeichen der Menschlichkeit können sich Vampire so völlig lasterhaft und fremdartig verhalten, dass der bloße Gedanke an sie anderen Unwohlsein bereitet. Schließlich bedeutet ein niedriger Menschlichkeitswert, dass das Kainskind kaum noch Verbindung zu seinen sterblichen Ursprüngen hat.
Menschlichkeit 10-8
Kainskinder mit so hohen Menschlichkeitswerten sind ironischerweise menschlicher als Menschen. Viele Vampirküken befolgen als Reaktion darauf, dass sie nun Raubtiere sind, strengere Kodizes als zu Lebzeiten. Ältere Kainskinder verhöhnen sie dafür und amüsieren sich sehr über die Vorstellung, wie frisch erschaffene Neugeborene unter Feuertreppen kauern und sich von widerlichem Rattenblut ernähren, nur weil sie völlig nutzlos gegen ihr mörderisches Wesen ankämpfen.
In Wirklichkeit sind Vampire, die sich hohe Menschlichkeitswerte erhalten, selten, weil jedes Kainskind früher oder später morden muss. Vampire mit hohen Menschlichkeitswerten sind für Ihresgleichen, die ihre angebliche Naivität und Selbstgerechtigkeit frustriert, fast unerträglich; die meisten Kainskinder erdulden die Anfeindungen des Unlebens lieber, ohne sich abzumühen. Hohe Menschlichkeitswerte bedeuten eine Abneigung gegen das Töten und sogar Abscheu davor, mehr Vitæ zu rauben als nötig. Kainskinder mit so hohen Menschlichkeitswerten sind zwar
nicht notwendigerweise inaktiv oder salbadernd, haben aber äußerst anspruchsvolle Standards und oft klare Vorstellungen davon, was moralisch richtig und falsch ist.
Menschlichkeit 7
Die meisten Menschen haben einen Menschlichkeitswert von etwa 7, sodass Vampire mit einem solchen Wert üblicherweise als Sterbliche durchgehen. Vampire mit Menschlichkeit 7 halten sich zumeist an die „gängigen“ gesellschaftlichen Praktiken – es ist nicht akzeptabel, andere zu verletzen oder zu töten, es ist falsch, andere zu bestehlen, aber an Geschwindigkeitsbegrenzungen
muss man sich nicht immer halten. In dieser Phase der moralischen Entwicklung bedeuten dem Vampir die natürlichen Rechte anderer noch etwas, auch wenn ziemlich viel Egoismus durchschimmert.
Menschlichkeit 6-5
Menschen sterben. Kram geht kaputt. Ein Vampir unterhalb der kulturellen menschlichen Norm hat wenig Probleme mit der Tatsache, dass er Blut zum Überleben braucht und tut, was er tun muss, um es zu bekommen. Er wird zwar höchstwahrscheinlich nicht aktiv darauf abzielen, das Eigentum anderer zu zerstören oder das Leben eines Opfers zu beenden, doch er akzeptiert, dass das Schicksal das für manche Leute vorgesehen hat. In dieser Phase der moralischen Entwicklung sind Kainskinder nicht notwendigerweise furchtbar, aber der Umgang mit ihnen ist sicher unangenehm. Ihre nachlässige Haltung gegenüber den Rechten anderer stört viele tugendhaftere Personen.
Menschlichkeit 4
Der Vampir beginnt, unaufhaltsam in reinen Instinkt abzugleiten. Menschlichkeit 4 bedeutet, Töten ist für dieses Kainskind akzeptabel, solange sein Opfer den Tod „verdient“ (was natürlich sehr subjektiv ist). Viele Vampirahnen bewegen sich rund um diesen Grad der Menschlichkeit, wenn sie sich nicht für einen anderen moralischen Kodex entschlossen haben. Verwüstung, Diebstahl, Verletzung – all das sind für einen Vampir mit Menschlichkeit 4 Werkzeuge, keine Tabus. Auch treten an dieser Stelle die Pläne des Vampirs an die erste Stelle, und zum Teufel mit denen, die sich ihm in den Weg stellen.
Menschlichkeit 3-2
Das Leben und der Besitz anderer sind für ein Kainskind, das so tief gesunken ist, irrelevant. Der Vampir gibt sich höchstwahrscheinlich perversen Vergnügungen und abartigen Launen hin, die Scheußlichkeiten aller Art umfassen können. Perversion, kaltblütiger Mord, Verstümmelung von Opfern und Arglist um ihrer selbst willen sind die Markenzeichen von Kainskindern mit sehr
niedriger Menschlichkeit. Nur sehr wenige Vampire behalten so niedrige oder noch niedrigere Werte sehr lange – an dieser Stelle ist ihre Verdammnis beinahe sicher. In dieser Phase werden körperliche Veränderungen recht auffallend; der Vampir ist zwar nicht hässlich im Sinne von Nosferatu oder bestimmter Gangrel, doch er sieht blass, leblos und auffällig ungesund aus.
Menschlichkeit 1
Kainskinder mit Menschlichkeit 1 empfinden nur nominell noch etwas und balancieren am Rande des Abgrunds. Für einen Vampir, der so weit gekommen ist, ist fast alles bedeutungslos, selbst seine eigenen Bedürfnisse, die über Nahrung und Ruhe hinausgehen. Es gibt buchstäblich nichts, was ein Vampir mit Menschlichkeit 1 nicht täte, und nur ein paar schäbige Überbleibsel seines Egos stehen zwischen ihm und der völligen Verkommenheit. Viele, die in dieses Stadium eintreten, stellen fest, dass sie nicht mehr kohärent sprechen können, und sie verbringen ihre Nächte Gotteslästerungen ausstoßend in ihrer blutverschmierten Zuflucht.
Menschlichkeit 0
„Muss ausruhen. Muss trinken. Muss töten.“ Spieler dürfen keine Charaktere mit Menschlichkeit 0 verkörpern. Vampire in diesem Stadium sind völlig dem Tier anheimgefallen.
Hierarchie der Sünden – Menschlichkeit
| Menschlichkeit | Moralische Richtschnur |
|---|---|
| 10 | selbstsüchtige Gedanken |
| 9 | kleinere selbstsüchtige Handlungen |
| 8 | jemanden verletzen (ob beabsichtigt oder nicht) |
| 7 | Diebstahl |
| 6 | unbeabsichtigtes Vergehen (aus Hunger ein Gefäß austrinken) |
| 5 | absichtliche Sachbeschädigung |
| 4 | Vergehen im Affekt (Totschlag, ein Gefäß in Raserei töten) |
| 3 | geplantes Vergehen (Mord, sadistisches Ausbluten) |
| 2 | beiläufiges Vergehen (gedankenloses Töten, Trinken obwohl man satt ist) |
| 1 | vollkommene Perversion oder abartigste Handlungen |