Traditionelle Hochburgen: Los Angeles, San Diego, San Francisco
Die „Anarchen” sind nominell eine Fraktion der Camarilla, und die meisten unterstehen noch immer der Autorität des Elfenbeinturms.
Die Camarilla würde sagen, die Anarchen stehen unter dem Schutz der Sekte, während die Anarchen sagen würden, sie würden von ihr unterdrückt. Dennoch begreifen viele Angehörige der Anarchenbewegung die Nützlichkeit von Struktur, und nur die radikalsten fordern einen totalen Bruch mit der Camarilla. Die Anarchen wollen den Elfenbeinturm von innen heraus verändern, ihn in die wohlmeinende Kainskinder-Gruppierung verwandeln, als die er sich so oft geriert.
Was muss sich ändern? Fragen Sie zwölf Anarchen, und Sie kriegen dreizehn verschiedene Antworten. Alle sind sich einig, dass sich etwas ändern muss, es gibt aber keinen gemeinsamen Plan. Sicher existieren Übereinstimmungen, etwa die Machtumverteilung von den Ahnen auf alle Vampire und die Forderung, dass politische Autorität aus Verdienst statt Alter erwachsen muss. Doch schon die Frage, ob sich diese Veränderungen durch leidenschaftliche Debatten im Elysium oder durch Guerillakrieg gegen bestimmte Ahnen ergeben sollen, beantwortet jeder Anarch anders. Im Gegensatz zum Sabbat, der rebelliert, weil Vampire über die Menschen herrschen sollen, sind die Ziele der Bewegung zumindest nominell egalitärer Art.
Natürlich macht genau diese Forderung nach Gleichheit die Anarchenbewegung so gefährlich wie die Vampirgesellschaft. Der Widerstand gegen Veränderungen ist nicht nur für die Camarilla typisch; Ahnen des Sabbats oder der unabhängigen Clans möchten ihre Macht genauso wenig teilen, und ihre Ancillae haben ebenso hart daran gearbeitet, in die Position eines Ahnen nachzurücken. Wenn die Anarchen-Rhetorik Früchte trägt, werden all diese Mühen umsonst gewesen sein. Von daher ist es nicht überraschend, dass Anarchen häufig frustriert sind und zu einer Belagerungsmentalität neigen.
Trotz ihrer Zugehörigkeit zur Camarilla ist die Anarchenbewegung im Grunde eine eigene Sekte, auch wenn sie nicht so gut durchorganisiert ist wie die Camarilla, der Sabbat oder die unabhängigen Clans. Ihre Mitglieder eint nur das Wissen, was sie nicht sein wollen. Das war als gemeinsamer Ausgangspunkt hilfreich, hilft aber als Planungsgrundlage nur wenig. Darüber hinaus führt Struktur schnell zu Stagnation, und genau gegen die haben die Anarchen etwas.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Anarchen gegen jede Form von Organisation sind. Trotz ihres Namens sind nicht alle Anarchen wirklich Anarchisten; viele wollen der Camarilla oder dem Sabbat eine neue Struktur geben, üblicherweise eine, die auf politischen Ideen der Sterblichen beruht. Die meisten dieser Strukturen drehen sich um irgendeine Form der Demokratie, aber Mitglieder der Bewegung haben (mit wechselndem Erfolg) auch schon Variationen des Neofeudalismus und sogar des Faschismus erprobt. Eines der wenigen Dinge, über die sich die Anarchen einig zu sein scheinen, ist, dass irgendwann jemand das Sagen haben muss, und diesen Vampir nennen sie gemeinhin Baron (s. S. 25).
Erst in letzter Zeit haben die Anarchen zu so etwas wie einer gemeinsamen Identität gefunden. Nach der zweiten Anarchen-Revolte 1944, die zur Entstehung des Anarchen-Freistaats in Kalifornien führte, beschloss das Revolutionskomitee, eine Reihe von Prinzipien der Selbstregierung für den Freistaat festzulegen, ehe es sich selbst auflöste – den „Status Perfectus“ oder auch „perfekten Staat“.
Der Status Perfectus war ein revolutionäres Dokument, das erste, das den Traum der Anarchen in der heutigen Zeit klar und unmissverständlich formulierte. Er rief alle Anarchen auf, ihre Brüder und Schwestern zu unterstützen, ungeachtet ihrer Clansbindung. Er versprach eine Kainskinder-Nation ohne politische Unterdrückung und vorurteilsbeladene Ahnen und sagte zu, diese Freiheit auf alle Kainskinder auszudehnen. Das Revolutionskomitee erklärte, der freie Wille, die „Libertas”, sei ein unverzichtbarer Bestandteil des spirituellen Wesens der Kainskinder und alle Vampire müssten sich bemühen, sich von den Kräften freizumachen, die ihnen ihre Libertas nehmen wollen.
Manche Anarchen stimmen mit dem Status Perfectus nicht oder nur in Teilen überein, aber er hat sich als Dokument von gewaltigem Einfluss auf die Bewegung erwiesen und ist das, was innerhalb der Sekte einem Grundsatzprogramm am nächsten kommt Ungeachtet dessen machen die Anarchen das, was ihnen an Organisationsgrad fehlt, durch Leidenschaft wett. Vom undiplomatischsten, wütendsten neugeborenen Punk bis hin zum eloquentesten, sprachgewandtesten Intellektuellen sind alle Anarchen Getriebene, woraus eine Form von Schwung entsteht, den die meisten Kainskinder einfach nicht gewöhnt sind. Noch schlimmer für die meisten Vampire ist, dass die Anarchen tatsächlich an das zu glauben scheinen, was sie sagen. Ahnen versuchen, das als Naivität oder Unerfahrenheit im Dschihad abzutun, aber diese jungen Vampire scheinen Dinge zu erreichen, die Jahrhunderte der Manipulation und der Machtspielchen nicht vollbringen konnten. Wandel aber hat die Mächtigen schon immer in Angst und Schrecken versetzt.
Die Anarchen-Revolte, die inzwischen mehrere Jahrhunderte her ist, flammt in den heutigen Nächten wieder auf, und viele Anarchen finden, es sei Zeit, die Nacht zurückzuerobern.
Praktiken
Manche Kainskinder halten die Anarchenbewegung fälschlicherweise für nichts anderes als eine weitere Ansammlung frisch erschaffener Brujah, die sich gegen ihre Altvorderen auflehnen. Sie sind oft überrascht, wenn sie erfahren, wie kosmopolitisch diese Sekte eigentlich wirklich ist. Für jeden lauten, ungezogenen Neugeborenen, der alles in Stücke reißen will, gibt es einen
nüchternen, nachdenklichen Ancilla, der die Ideale der Bewegung hochhält. Es würde die Anarchen nicht so lange geben, wenn sie alle planlose Rebellen oder nur eine Hand voll von Clans wären, die sich von ihrer Leidenschaft haben übermannen lassen. Vielfalt, genau das, was sie so desorganisiert scheinen lässt, ist auch eine der größten Stärken der Bewegung.
Leider errichten Vampire oft ganz automatisch Hackordnungen, und eine so vielfältige Ansammlung von Kainiten braucht so etwas wie eine Dominanzstruktur. Für Kainskinder, die darauf aus sind, zu beweisen, dass Verdienst das entscheidende Prinzip bei der Machtvergabe unter Vampiren sein sollte, ist Status nicht nur ein unbrauchbares Konzept, für manche Anarchen ist er eine regelrechte Beleidigung. Anarchen verlassen sich lieber darauf, ob sie von einem Gesinnungsgenossen schon persönlich gehört haben, statt auf das zu vertrauen, was irgendein anderer Vampir für wichtig hält. Infolgedessen bedeutet der Hintergrund Status bei Anarchen so viel wie Ruf: eine Kombination aus Selbstdarstellung, Hörensagen und wildem Prahlen, die dem Anarchen sowohl
innerhalb seiner eigenen Baronie als auch außerhalb Anerkennung einbringt. Das hat nichts mit dem politischen Amt oder dem Maß seiner Autorität zu tun – es gibt Vampire ohne Titel (etwa den berüchtigten Witzbold Smiling Jack), die ganz allgemein einen besseren Ruf genießen als Kainskinder, die den Titel Baron führen. Dabei ist es nebensächlich, ob diese Anerkennung Respekt oder Abscheu darstellt; wie Oscar Wilde sagte: „Es gibt nur eine Unannehmlichkeit, die peinlicher ist, als in aller Munde zu sein: nicht in aller Munde zu sein.”
Spiele und Streiche
Im Gegensatz zu den bluttriefenden Spielen, die der Sabbat als Teil seiner Ritae benutzt, und den erzwungenen Höflichkeit des Elysiums haben die Anarchen wirklich einfach gerne Spaß und scherzen miteinander. Sie glauben, dass die Existenz der Kainskinder nicht nur aus Intrigen und Blutvergießen bestehen sollte, sondern dass es vielmehr darum geht, die Nacht zur Gänze zu genießen.
Sabbat-Unholde halten diese Vorstellung für eine widerwärtige Zurschaustellung von Menschlichkeit, während Camarilla-Zyniker sie als Leichtsinn der Jugend abtun, aber das ist den Anarchen egal. Sie spielen häufig Spiele oder einander (oder ahnungslosen anderen Kainskindern) Streiche, sowohl als Mutproben, als auch als Methode, um etwas Dampf zu lassen.
Manche Anarchen mögen keine Spiele und Streiche. Sie sagen, das schade dem Diskursniveau. Dadurch werde es leichter, die Bewegung nicht ernst zu nehmen. Sie sagen, diese Spiele und Streiche seien gefährlich, denn sie bedrohten die Maskerade.
Vor allem aber sagen sie, sie sei nur Zeitverschwendung, und man soll doch seine Zeit lieber dafür nutzen, die ruhmreiche Revolution der Vampirgesellschaft herbeizuführen. Klar, es ist ziemlich gefährlich, mit Neun-Millimeter-Pistolen Fangen zu spielen, auch wenn man sich vorher geeinigt hat, dass Kopftreffer nicht zählen. Wahrscheinlich wird es schwerer für den Baron, mit
dem örtlichen Prinz zu debattieren, wenn man vorher Ahnen im Elysium so lange provoziert hat, bis sie in Raserei verfielen. Unfälle vorzutäuschen und Sterblichen gegenüber so zu tun, als sei man eine Leiche, ist vermutlich tatsächlich knapp davor, die Maskerade zu brechen. Aber die jungen Anarchen sagen „Scheiß drauf; die Ewigkeit ist zu kurz“, und weiter gehen die Spiele.
Die Camarilla
Sie verstehen wenigstens, dass sie in den Elfenbeinturm gehören, aber ihr destabilisierender Einfluss kann zum Problem werden. Am besten hält man sie auf die eine oder andere Weise ruhig.
Der Sabbat
Sie haben die richtigen Ideen, sind aber nicht bereit, ihre bequeme Menschlichkeit aufzugeben, um den nächsten Schritt zu machen. Ich sehe unter ihnen einige potenzielle Rekruten, aber andererseits gehen sie ziemlich leicht kaputt.
Die Unabhängigen
Wir sollen alle Händchen halten und Brüder sein? Wohl kaum, junger Kainit. Mein Clan hat hart darum gekämpft, nicht in euren Dschihad hineingezogen zu werden, und daran wird sich nichts ändern, egal, wie unfair du mich findest.