Sekten und Gefallen

Jede Sekte achtet Gefallen auf irgendeine Weise und erkennt das Konzept sektenübergreifender Gefallen an. Die Tatsache, dass die Vampire im Großen und Ganzen gewillt sind, ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen über die Loyalität zu ihren Fraktionen zu stellen, zeugt von einem lang zurückreichenden und tief verwurzelten, möglicherweise sogar physiologischen Bedürfnis, Wort zu halten. Der Aberglaube, demzufolge man den Vampir in sein Heim bitten muss, bevor dieser die Schwelle überschreiten kann, hat eventuell seinen Ursprung in dem Ernst,
mit dem die Verdammten ihre Versprechen betrachten.

Inhaltsverzeichnis

Die Camarilla

Es überrascht wohl kaum, dass der Konservatismus und tief verwurzelte Traditionalismus der Camarilla ein idealer Ort für die Formalitäten des Wechselspiels von Gefallen und Gegengefallen sind. Tatsächlich hegen manche die Vermutung, dass die Wurzeln des Wechselspiels in der Strenge der Ventrue und den durchdachten Ritualen der von den Toreador hochgehaltenen Konventionen liegen. Das stimmt nicht ganz – in mehreren noch erhaltenen Schriftwechseln zwischen Kainskindern aus dem Mittelalter finden sich Garantien für Versprechen unter anderen
Kainskindern –, doch die Machthaber des Elfenbeinturms, der Clan der Rose und der der Könige, wissen mit Sicherheit, wie sie sich das Wechselspiel zunutze machen können. Andere Clans der Camarilla sehen in den etablierten Regeln des Wechselspiels von Gefallen und Gegengefallen oft ein nützliches Werkzeug und eine pragmatische Investition.

Die Brujah und Gangrel nehmen es nicht so genau mit Gefallen und Gegengefallen, doch viele von ihnen haben ihre eigenen Vorstellungen von Ehre und Pflicht, die sie dank der Einhaltung des Wechselspiels vor anderen zur Schau stellen können. Oft gefallen sie sich darin, dies im Elysium und bei anderen geheimen Versammlungen der Sekte offen zu zeigen, wobei sie darstellen, dass sie trotz ihres vergleichsweise geringen sozialen Status zumindest keine lügenden Heuchler sind, im Gegensatz zur Führung der Camarilla.

Die Tremere kodifizieren ihr Netzwerk der persönlichen Betreuung durch einen Mentor in ähnlicher Weise wie das Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen. Sie bieten an, andere Hexer auszubilden, wenn sie dafür mystische Geheimnisse, Zugang zu okkulten Ressourcen oder Standard- Gefallen, wie sie der Brauch vorschreibt, erhalten.

Die malkavianische Einhaltung des Wechselspiels von Gefallen und Gegengefallen ist unzuverlässig, doch der Clan des Mondes hegt kein gesteigertes Interesse an der Untergrabung
der Traditionen, sofern sie nicht den gesamten Gesellschaftsvertrag  der Kainskinder in Frage stellen. Tatsächlich bietet das Wechselspiel den durch ihren Wahnsinn stärker Behinderten eine Verankerung in der Wirklichkeit, erinnert sie an das, was sie zu tun versprachen und verleiht den Aktivitäten anderer Kainskinder einen Kontext.

Die Nosferatu treiben oft Schwarzmarkthandel mit Gefallen und Gegengefallen und sorgen dafür, dass es keine Aufzeichnungen über ihre Gefallen gibt. Im Gegenzug dafür erhalten sie Geheimnisse und Hinweise auf Dinge, die zukünftig vielleicht interessante Informationen liefern können. Oft verstecken sich die Kanalratten nicht hinter erhabenen Idealen wie Ehre und oder Wert. Sie wollen einfach so viele „schöne Verdammte“ wie möglich in der schmutzigen Tasche haben. Gesellschaftliche Schulden sehen die Nosferatu recht liberal, doch ein Nosferatu,
dessen Geheimnisse die Versprechen, die er im Tausch für sie verlangt, nicht wert sind, fällt rasch bei jenen, die nach Informationen suchen, in Ungnade.

Von allen Sekten hat sich die Camarilla am meisten dem Pomp des Wechselspiels von Gefallen und Gegengefallen verschrieben und dem „Ausgleich der Bilanzen“ in öffentlichen Zurschaustellungen dessen, wer wem etwas schuldet. Sie ist auch die Sekte, die am ehesten auf die Dienste eines beamteten Kainskindes zurückgreift, das über diese gesellschaftlichen Schulden Buch führt. In manchen Domänen verliest der Kanzler diese Liste bei den Versammlungen der Kainskinder, um alle daran zu erinnern, dass das Wohl der Kainskinder darauf baut,
dass jeder seine Versprechen einhält. Außerdem gibt es so eine Möglichkeit zur Wiedergutmachung für die, die der Meinung sind, ihre Schuldner hätten ihre Gefallen nur ungenügend ausgeglichen. Manche erinnern sich noch an die lange zurückliegenden Nächte der Könige und Kämmerer, als der Prinz selbst oft als Schlichter bei solchen Klagen bei Hofe auftrat. Derart förmliche Domänen erinnern oft an das gefährliche aristokratische Minenfeld am Hofe Ludwigs XIV. oder an die Launen Heinrichs VIII. Es ist sogar möglich, nach einer solchen Abrechnung jemandem einen Gefallen zu schulden, weil man den ursprüngliche Gefallen als erfüllt erklärt hat … aber derlei sich verschiebende Schulden und Loyalitäten sind das Markenzeichen der Camarilla.

Die Camarilla ist insofern einzigartig, als sie die offene Übertragung von Gefallen unter Kainskindern zulässt. Sofern alle beteiligten Parteien zustimmen, kann ein Kainskind einen anderen Verdammten zum Empfänger seines Gefallens ernennen. Alex LeMont schuldet beispielsweise einem Toreador einen Gefallen, während ein Malkavianer ihm einen Gefallen schuldet. Wenn alle drei zustimmen, kann LeMont einfach den Gefallen des Malkavianers an den Toreador weiterreichen und sich so aus dem rekursiven Sumpf des Wechselspiels zurückziehen. Oberflächlich betrachtet erscheint dies einfach, doch in der Praxis wird in einer Domäne mit mehr als fünfzig Kainskindern, die Versprechen und Verpflichtungen untereinander tauschen, aus dem Knäuel des Wechselspiels rasch ein gordischer Knoten. Tatsächlich bevorzugen die, die mit Gefallen handeln, oft diese komplexen Netze der Pflicht, um besser ihre eigenen Versprechen verdecken und hinter zahlreichen Schichten aus Gefallen, deren Erfüllung hundert andere Gefallen in der ganzen Stadt negieren können, verstecken zu können. Ein kluges Kainskind wie LeMont muss sich vielleicht nie Sorgen machen, dass sein Gefallen eingefordert wird, denn als flüssiger Aktivposten des Wechselspiels ist sein Wert als Währung größer als der seiner praktischen Erfüllung.

Der Sabbat

Im direkten Vergleich praktiziert der Sabbat das Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen weniger als die Camarilla, doch es ist mit Sicherheit auch dort zu finden. Tatsächlich verläuft das Wechselspiel im Sabbat mehr nach dem Motto „Du hast was gut bei mir“ oder erinnert an die Bande, die Soldaten im Krieg untereinander schmieden. Es ist weniger streng geregelt und wird definitiv seltener aufgezeichnet.

Formale Versprechen im Wechselspiel von Gefallen  und Gegengefallen ereignen sich in der Schwarzen Hand fast ausschließlich in den oberen Reihen der Sekte. Viele Ahnen des Sabbats sind weit älter als die Sekte, und unter Vampiren, die es gewohnt waren, kleinen Königreichen der Alten Welt die Treue zu schwören, sind alte Gepflogenheiten nur schwer abzulegen.

Auf der Ebene der Rudel gibt es das formelle Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen so gut wie nicht, denn sie halten sich gegenseitig den Rücken frei. Rudel tauschen dennoch viele Versprechen und Gefallen aus, vor allem in etablierten Domänen oder solchen, in denen Krieg herrscht und in denen die Rudel einem ganz bestimmten Zweck dienen und einen Vorteil daraus ziehen, ihre Fähigkeiten breit zu fächern.

Bei den Lasombra sind Pflichten und Ehrenschulden tief verwurzelt, was an der feudalen Geschichte des Clans und seiner Verwicklung in die religiösen Vorschriften der Kirche liegt. Schließlich gibt es nur selten Versprechen, die man nicht erfüllen kann, indem man seinen gläubigen Untergebenen befielt, beschwerliche Aufgaben zu verrichten. Versprochene und erkaufte Gefallen ähneln
dabei sehr dem Ablass der Nächte vor der Reformation, daher legen die Hüter auch sehr viel Wert darauf. Bei den Lasombra ist es außerdem auch am wahrscheinlichsten, dass sie mit an Nicht-Sabbatanhänger versprochene Gefallen Handel treiben, da sie sehr versiert darin sind, Netzwerke aus Politik und Versprechen zu kultivieren.

Für die Tzimisce sind die Formalitäten des Wechselspiels von Gefallen und Gegengefallen viel verabscheuungswürdiger als für die Lasombra, da sie ihren eigenen angestammten Linien folgen. Für Tzimisce besteht das gewährte Privileg schon in der Tatsache, dass der Meister des Dom seine Szlachta belohnt, statt ihnen die Haut abzuziehen. Der Vorschlag, Gefallen zu besitzen oder zu tun, ist ihrem strafenden Verstand vollkommen fremd, insbesondere mit zunehmendem Alter. Die Welt existiert, um sie wie die Knochen eines enttäuschenden Lakaien zu biegen und zu formen und nicht, um sie mit Versprechen einer Belohnung oder eines Gefallens zu füllen. Junge Tzimisce  scheinen eher für das Wechselspiel aufgeschlossen zu sein, vor allem während sie auf der Leiter der Schwarzen Hand emporklettern und die Gefallen ihnen dabei gegenüber ihren eigenen Ahnen einen Vorteil verschaffen.

Unter den antitribu und den exotischeren Blutlinien  der Schwarzen Hand ist das Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen ein notwendiges Übel. Die Ahnen nehmen daran teil, ebenso die Gründungsclans des Sabbat, daher ist es das Beste, wenn man die Regeln lernt und, wenn möglich, einen Vorteil daraus zieht. Manche Clans sind dafür besser aufgestellt als andere. Ventrue Antitribu, Toreador antitribu und Assamiten antitribu sind im Wechselspiel sehr bewandert, und insbesondere die Nosferatu des Sabbat machen sich den Tausch von Gefallen mit den Mitgliedern der Camarilla, den Anarchen und gelegentlich der Tal’mahe’Ra gut zunutze. Unter den Brujah antitribu, den Schlangen des Lichts und den Pandern findet das Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen oft in Gestalt von Straßenehre Anwendung, während die Gangrel und Malkavianer der Schwarzen Hand die ganze Praxis als sinnlos verworren, schwer verständlich oder idiotisch
ansehen. Aber wer würde schon einem vernunftlosen Werkzeug des Tiers etwas versprechen?

Im Gegensatz zur Camarilla betreibt der Sabbat im Allgemeinen keinen Tauschhandel mit Gefallen. Viele Sabbatanhänger sind der Meinung, das sei zu „weich“ und „zu sehr wie der Elfenbeinturm“. Die Position der Schwarzen Hand besteht darin, dass die Übertragung von Gefallen viel zu viel Gewicht auf das Wer-kennt-wen, Vetternwirtschaft und ein nebulöses Netzwerk von Verpflichtungen legt. Vor allem auf mittlerer Ebene und der des Sabbat-Fußvolks (das viel Aufhebens darum macht, Ergebnisse zu erzielen und leistungsorientiert zu sein) ist es besser, die Zuflucht eines verhassten Ahnen niederzubrennen, statt sie durch den Einsatz sterblicher Bürokratie zu vernichten. Eine Philosophie, bei der das Handeln an erster Stelle steht, passt besser
zu den Schaufelköpfen und den charismatischen Dukti. In den oberen Rängen der Sekte ist ein Austausch von Gunst unvermeidlich, aber meist findet dieser auf der Ebene vergleichsweise geringfügiger Gefallen statt und wird als wirklich allerletztes Mittel angesehen.

Die Anarchen-Bewegung

Die Anarchen sind in der Frage des Wechselspiels von Gefallen und Gegengefallen oft hin und her gerissen. Einerseits ist ein konventionelles System von Verpflichtungen nützlich, und eine gute Organisation ist oft der entscheidende Faktor, damit die Opposition gegen die festgefahrenen höheren Mächte eine Chance hat. Wenn die Anarchen-Bewegung sich in einer Stadt von der Opposition zur Autorität wandelt, bleibt allerdings das, was bis eben noch ein effektives Werkzeug des Umsturzes war, immer noch ein effektives Werkzeug des Umsturzes – sehr zum Leidwesen vieler aufkeimender Barone, die den Übergang vom Kampf gegen die Unterdrückung hin zur Stabilisierung einer jungen und wütenden Domäne als sehr schwierig empfinden.

Interessanterweise integrieren viele technologisch bewanderte Anarchen ihre Einhaltung des Wechselspiels von Gefallen und Gegengefallen in soziale Medien und persönliche Datenspeicher. Mit der Verwendung von Codes, Hashtags und anderen Methoden zur Wahrung der Maskerade ist es den Anarchen gelungen, eine zuverlässige Aufzeichnung der Gefallen zu erschaffen, sofern
jemand weiß, wo er danach suchen muss und wie er die Information zu interpretieren hat. Daher neigen Anarchen dazu, keine vampirischen Ämter und Titel zu nutzen, um den Gesellschaftsvertrag der Verpflichtungen einzuhalten, denn das wäre archaisch. Stattdessen fordern und erfüllen sie ihre Gefallen dort, wo andere Verdammte, die online sind, ihren Ruf im Auge behalten und eigene Entscheidungen treffen können. Ähnlich wie Online-Auktionsseiten die Integrität ihrer Nutzer betonen oder die Systeme der sozialen Medien den Stellfaktor und Einfluss ihrer Nutzer schätzen, funktioniert das Wechselspiel der Anarchen als greifbare Daten, die andere Anarchen berücksichtigen (oder fest verwurzelte Ahnen abfangen …) können.

Derzeit ist es unter den Anarchen in Mode, Bluteide zu leisten, wenn sie sich einem Gefallen verpflichten. Es verleiht dem Ganzen den Anstrich von Formalität, von nützlichem Traditionalismus, denn andernfalls könnte es auch bloß ein leeres Versprechen sein.

Die Tal’mahe’Ra

Im Allgemeinen hat die wahre Schwarze Hand größere Probleme, als sich Sorgen darum zu machen, ob die unter den Monstern ihrer Sekte gegebenen Versprechen zur Zufriedenheit aller Beteiligten auch erfüllt werden. Während sie die furchtbaren Mysterien des Reichs der Toten auslotet und dem esoterischen Wissen nachjagt, das sich außerhalb des Wahrnehmungsbereichs der
meisten Kainskinder abzeichnet, sind die waghalsige Politik und der kleinliche Machthunger, die normalerweise mit einem komplizierten System aus Gefallen assoziiert sind, für die Vampire der Tal’mahe’Ra bestenfalls eine zweitrangige Angelegenheit.

Das soll nicht heißen, dass sich die Sekte keine Gedanken um Status macht. Genau das Gegenteil ist der Fall: Die Mitglieder der wahren Schwarzen Hand erlangen ihren Status, indem sie Geheimnisse ans Licht bringen, kryptische Rätsel lösen oder exotische Artefakte sammeln, statt bei frivolen Partys viel Aufhebens zu machen. In diesem Sinne besitzt die Tal’mahe’Ra ein kompliziertes System aus Lehnstreue, Eiden, Kulten und Lehren, das den Platz des Netzes aus Versprechen einnimmt, das die anderen Sekten pflegen. Die wahre Schwarze Hand legt mehr Wert auf Zirkel der Mysterien und interne Geheimgesellschaften als auf unter verzweifelten Umständen gegebene Versprechen. Dank der unzähligen geheimen Kriege, die ständig um sie herum toben, geht die Tal’mahe‘Ra oft einfach davon aus, dass ihre Mitglieder sich gegenseitig helfen werden, wenn es nötig ist, denn ein derartiges Verhalten liegt im Interesse dieser oftmals fanatischen Sekte.

Völlig im Geheimen operierende Agenten der Sekte kultivieren das Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen allerdings oft als Teil der Vorspiegelung, den anderen Sekten anzugehören. Dem Fehlen eines „traditionellen“ Wechselspiels innerhalb der Tal’mahe’Ra zum Trotz betrachtet die Sekte die Verpflichtungen, die sie außerhalb ihrer eigenen Fraktion etabliert hat, allerdings sehr
ernsthaft, um auf diese Weise besser neugierige Blicke und unerwünschte Aufmerksamkeit von der restlichen düsteren Agenda fernzuhalten.

Die Inconnu

Was kann man schon zuverlässig über die sagen, die sich in Geheimnisse hüllen, und woher soll man wissen, ob sie ein Versprechen, das sie vielleicht gegeben haben, vielleicht aber nicht, einhalten? Tatsächlich ist schon das Auffinden eines Kainskindes, das im Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen einen Handel mit einem Inconnu eingegangen ist, wie die Suche nach Fragmenten des Buchs Nod im Buchladen eines Einkaufszentrums.

Das einzige Beispiel zu den Praktiken des Wechselspiels unter den Inconnu, über das die Gesellschaft der Kainskinder verfügt, lässt sich zu einem schriftlichen Dokument zurückverfolgen, das am Stadtrand Genuas in einer ausgebrannten Kirche in einem versiegelten Gefäß entdeckt wurde. Bemerkenswert ist dabei, dass der Gefallen in schriftlicher Form existiert und sich speziell darauf bezieht, dass „die Macht Christi mich niederstrecken möge, sollte ich dieses Vertrauen enttäuschen“. Ob es sich dabei nur um blumige Worte oder um eine erwartete Folge handelt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Allerdings existiert der Empfänger dieses Gefallens, ein Kainskind, das in dem Schriftstück als „Dondinni“ bezeichnet wird, Gerüchten zufolge noch. Hat der Schuldner den Gefallen erfüllt? Zur Beantwortung dieser Frage müsste man Dondinni erst einmal finden, und dann bleibt immer noch abzuwarten, ob ein so uralter und bedeutender Vampir überhaupt dazu bereit wäre, die Wahrheit kundzutun.

Die Unabhängigen

Für Clans, die außerhalb der Sektenstruktur der anderen Kainskinder stehen, ist das Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen ein zweischneidiges Schwert. Es schadet ihrer Unabhängigkeit, wenn sie den gleichen Regeln wie die anderen Sekten folgen und damit im Endeffekt die Bedeutung der anderen Fraktionen der Kainskinder anerkennen. Allerdings sind die Ahnen dieser Clans so vertraut mit Gefallen und deren Wechselspiel, dass die Teilnahme am System ihnen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Angesichts der Tatsache, dass das Wechselspiel Sektenübergreifend funktioniert, muss sich dafür niemand der Politik oder Ideologie einer bestimmten Sekte verschreiben. Die Einhaltung des Wechselspiels von Gefallen und Gegengefallen ermöglicht es den Unabhängigen außerdem, eine kainitische Ressource von gemeinsamem Wert zu besitzen, wenn man einmal von Blut absieht.

Die Assamiten arbeiten selten im Rahmen des Wechselspiels. Stattdessen handeln die meisten von ihnen ihre Kontrakte um Bargeld und wertvoller Vitæ aus, die sie für ihre heilige Sache verwenden können. Aber gelegentlich machen auch die Assamiten vom Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen gebrauch, um sich in die sozialen Schichten einer bestimmten Domäne einzukaufen, vor allem, wenn die Assassinen danach streben, dort eine langfristige Präsenz aufzubauen. Die zunehmende Vertrautheit zwischen den Assamiten und der Camarilla
sorgt dafür, dass dies in den Domänen des Elfenbeinturms immer häufiger der Fall ist.

Im Gegensatz dazu haben die Giovanni kaum Probleme, sich in das System des Wechselspiels von Gefallen und Gegengefallen einzukaufen. Tatsächlich bieten einige Giovanni sogar  Wechselkurse“ für Gefallen an und kaufen (von den Sekten, die die Übertragungsregeln des Wechselspiels einhalten) Gefallen im Tausch gegen flüssigere Ressourcen, gleichermaßen in Geld wie Blut. Zwar gibt es nicht ausreichend Giovanni, um in dieser Hinsicht einen großen Einfluss auf den globalen Zustanddes Wechselspiels der Kainskinder auszuüben, doch nicht wenige Ahnen und kühne Ancillae sperren sich gegen die Vorstellung, dass die Nekromanten in der Schattenwirtschaft der Versprechen unter den Kainskindern den Markt beherrschen.

Ravnos und Setiten haben größere Probleme damit, das Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen zu nutzen und sich darauf zu berufen. Selbst wenn sie jemanden davon überzeugen können, ein Versprechen von ihnen zu akzeptieren, kommen sie dabei oftmals am falschen Ende eines Betrugs aus der Sache heraus. Selbst wenn jemand der Meinung ist, dass die Harpyie der Toreador einem Jünger des Set einen Gefallen gewährt hat, wessen Interessen würde es dienen, Partei für den Setiten zu ergreifen? Vor allem in den Domänen der anderen Sekten gelten Ravnos und Setiten oft als Bürger zweiter Klasse, wenn es um das Wechselspiel von Gefallen und Gegengefallen geht. Untereinander halten die Ravnos sich an lockere (und unbeständige) Konventionen der Ehre, die Außenstehende verwirren. Die Setiten sähen insgesamt viel lieber eine Bezahlung zu ihren Bedingungen und potenziell abgesichert durch Blutsbande.